Projekt „Fischbacher Weidevielfalt“ sorgt für Artenreichtum

Neue Presse Coburg, 28.01.2021

 

KUHFLADEN: KÖSTLICHKEITEN FÜR KÄFER & CO

 

DAS NATURSCHUTZPROJEKT FISCHBACHER WEIDEVIELFALT NIMMT FAHRT AUF. AUF GUT 30 HEKTAR SOLL EINE RINDERHERDE DAFÜR SORGEN, DASS GEFÄHRDETE TIER- UND PLANZENARTEN DORT WIEDER EINE HEIMAT FINDEN.

Angusrinder auf WeideFischbach – Früher sah man sie auf dem Land fast überall: Schafe, Ziegen und Kühe, die im Freien gehalten wurden. Sie haben nicht viel Arbeit gemacht – außer vielleicht im Winter, wenn sie in den Stall geholt wurden. Ansonsten kümmerten sich die Tiere um ihr Futter selbst. Grasten hier, knabberten dort. Und ganz nebenbei bewirtschafteten sie steile Hänge und karge, für den Ackerbau uninteressante Böden. „Und sie haben für Artenreichtum gesorgt“, berichtet Florian Wagner von der Ökologischen Bildungsstätte Oberfranken in Mitwitz, der für das Naturschutzprojekt „Fischbacher Weidevielfalt“ zuständig ist.

Wie kann ein Rind, ein Schaf oder eine Ziege für Artenreichtum sorgen? „Ein Rind produziert etwa zehn Fladen pro Tag, das ist eine Tonne Dung pro Monat. Davon ernähren sich etwa 20 Kilogramm Insekten. Und die ziehen wiederum Vögel an“, beschreibt er den pflatschigen Motor aus Naturschutz und Landwirtschaft“, meint Florian Wagner. Landwirtschaft, weil die Rinder für die Pflege der Flächen zuständig sind und am Ende auch geschlachtet werden. Ihr Fleisch wird langsam und mit Bedacht „produziert“. Die Weidefläche muss laut Florian Wagner groß genug sein. Die Rinder sollen den anderen Arten schließlich auch genügend Raum lassen, damit Pflanzen beispielsweise nicht schon vor dem Wachsen und Aussamen abgerupft werden.

 

Man rechnet 0,5 Großvieheinheiten pro Hektar. Oberhalb von Fischbach werden also bald 15 Rinder halbwild leben. Gestartet wird im Frühjahr mit einer Fläche von etwa zehn Hektar, erklärt Christoph Hiltl vom Projektträger, der Stiftung Lebensräume für Mensch und Natur. „Das ist das erste Mal im Landkreis Kronach, dass es eine Rinderherde gibt, die auf einer solchen halbwilden Fläche steht“, ergänzt Florian Wagner. Sei das Projekt einmal angestoßen, laufe es quasi von selbst. Dann müsse man auf der Fläche kaum mehr eingreifen. Den Großteil würden die Rinder selbst erledigen.

 

„Wenn sich auf der Hochfläche am Ende wieder Rebhühner ansiedeln würden, wäre das toll“, formuliert Florian Wagner eines der Ziele. Momentan würden Teilflächen dort noch intensiv bewirtschaftet. Übernehmen aber die Rinder das Regiment und es kehrt dort ein wenig mehr Ruhe ein, könnte das die Rebhühner wieder anziehen.

 

 

Foto: Dr. André Maslo
Foto: Dr. André Maslo

 

Doch das Projekt „Fischbacher Weidevielfalt“ beschränkt sich nicht auf die 30 Hektar große Hochfläche. Zusätzlich zur dortigen Rinderbeweidung wird man laut Florian Wagner vor allem an den Steilhängen zwischen Fischbach und Wötzelsdor auf Schafe und Ziegen setzen.

 

Ziege

 

Was war das Schwierigste an dem Vorhaben? „Vielleicht die Angst der Landwirte, dass ihnen Flächen weggenommen werden. Aber diese Vorbehalte konnten wir ausräumen“, sagt Florian Wagner. Christoph Hiltl betont, kein örtlicher Landwirt habe bisher Flächenverluste hinnehmen müssen. Man habe für benötigte Ländereien bisher immer andere an anderen Orten zum Ausgleich gefunden. „Das werden wir auch so beibe- halten“, erklärt Christoph Hiltl. Rund 40 Hektar hat man bisher erworben oder gepachtet. Insgesamt wird sich das Projekt auf 60 bis 65 Hektar erstrecken.

 

Einer, der dem Konzept von Anfang an kritisch gegenüber gestanden war, ist der Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands, Erwin Schwarz. „Wir sind in die Gespräche vor Ort als Verband nicht eingebunden. Wie es den Anschein hat, klappt das aber gut. Dann haben unsere anfänglichen Bedenken ja etwas bewirkt“, freut er sich. Schließlich wolle man seitens des Bauernverbands das Projekt ja nicht kaputt reden. Wenn es gut laufe, sei das doch in Ordnung. An seiner Meinung, dass Naturschutz wichtig ist, habe sich schließlich nichts geändert. Allerdings würden Landwirte das ja seit jeher machen.

 

Es gibt laut Florian Wagner auch unter den Jägern Bedenken. „In dem Moment, in dem ich Flächen beweide und Zäune aufstelle, ist das natürlich eine Einschränkung“, gibt er zu. Doch er verweist auf den Alpenraum. Dort funktioniere das auch gut. Das A und O sei auch hier die Kommunikation. Man müsse sich einfach verständigen und es den Jägern leichter machen. „Beispielsweise durch Viehgitter. Das sind über eine flache Grube verlegte Gitter. Über die kann man fahren oder laufen. Die Rinder würden aber nie drüber gehen. Einfach, weil sie nicht abschätzen können, wie tief die Grube darunter ist“, erläutert er. Bernhard Schmitt, Kreis- vorsitzender des Jagdschutz- und Jägerverbands Kronach, erklärt, er kenne bisher keine Details zu dem Projekt. Deshalb könne er sich auch noch nicht dazu äußern.

 

Doch bevor die Rinder nun überhaupt ihre Arbeit aufnehmen können, mussten einige Ackerflächen in Grünland umgewandelt werden. Kostengünstiger als Saatgut ist Mah-dgut. Dazu brauchte man laut Christoph Hiltl aber geeignete Spenderflächen, die gar nicht so einfach zu finden gewesen seien. „Man kann auch nicht immer die gleichen Flächen dafür nehmen, sonst würden die ja auch wieder verarmen“, erklärt er. Und das wäre ja nicht Sinn und Zweck des Ganzen. Deshalb ist es auch Florian Wagners Job, während des Projekts zu prüfen, wie sich Flora und Fauna dort entwickeln. Nicht nur auf den früheren Ackerflächen untersucht er, wie die Vegetation sich verändert – er nimmt das gesamte Projektgebiet unter die Lupe. Und prüft, was da künftig alles kriecht und wuselt, fliegt und wächst.